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Törggelen: Südtirols fünfte Jahreszeit

Törggelen bei Sonnenuntergang, Foto: Ottmar Seehasuer, TV Schenna

Törggelen bei Sonnenuntergang, Foto: Ottmar Seehasuer, TV Schenna

Wenn die Tage kürzer und ruhiger werden, die Nächte länger und kälter, das Laub der Bäume sich verfärbt und die mächtigen Kastanien langsam ihr Kleid verlieren, wenn die Trauben gelesen und der Wein gekeltert ist, die Sonne tiefer steht und das Vieh wieder in den Ställen ist, dann beginnt in Südtirol die fünfte Jahreszeit – die Törggelezeit.

Geselliges Beisammensein

In Bauernhöfen, die manchmal nicht gerade einladend aussehen, in gemütlichen Buschenschänken, in urigen Stuben oder uralten Kellergewölben, überall dort, wo ein geselliges Beisammensein garantiert ist, wird der neue Wein verkostet. Und dazu eine deftige Mahlzeit gereicht. Südtirol ist jetzt einzigartig, und das perfekte Herbstziel für den famosen Brauch des Törggelns.

Neben dem Suser wird der neue, spritzige Wein verkostet. Der süße Rote  ist ein Traubenmost, also nichts anderes als hierzulande ein roter Federweißer, der höchstens ein Prozent Alkohol aufweist. Der neue Wein, den die Einheimischen als Nuien bezeichnen, ist gegoren, wenn auch noch lange nicht ganz, und hat schon sieben Prozent und mehr an Alkohol.

Deftige Kost

 

Kann deftig serviert werden, oder, wie beim Törggelen, als süße Nachspeise: die Tirtelen. Foto: Verkehrsamt Bozen

Wird beim Törggelen, als süße Nachspeise serviert: die Tirtelen. Foto: Verkehrsamt Bozen

Gegessen wird deftig. Vorneweg Nüsse, Speck, Käse und Kaminwurzen, danach eine Gerstlsuppe oder Tris (Käseknödel, Speckknödel, Spinatknödel) beziehungsweise “Schlutzer“ (mit Spinat, Quark oder Brät gefüllte Teigtaschen), als Hauptgang Sauerkraut mit Geselchtem und Hauswürsten, später, wenn kaum mehr Platz ist im Magen, noch die berühmten Keschtn (Esskastanien), die warm gereicht werden (meist werden sie in gusseisernen Pfannen zubereitet).

Und als Allerletztes süße, mit Mohn oder Marmelade gefüllte, in heißem Fett herausgebackene Krapfen, Strauben oder Tirtelen. Davor eine Wanderung gemacht zu haben, um sich den richtigen Appetit zu holen, ist nicht verkehrt!

Nicht torkeln, sondern pressen

Viele denken, das Wort törggeln würde sich von “torkeln” ableiten. Doch weit gefehlt. Der Begriff “törggeln” stammt aus dem Lateinischen. “Torquere” bedeutet nämlich so viel wie pressen, drehen, winden. War dann die Maische nach der Traubenlese gepresst, zogen die Einheimischen von einem Weinbauern zum anderen, um den jungen Wein zu verkosten.

Dank an die “Bergler”

Eines der bekanntesten Weinanbaugebiete in Südtirol ist das in St. Magdalena bei Bozen.  Foto: Verkehrsamt Bozen

Das Weinanbaugebiet St. Magdalena bei Bozen. Foto: Verkehrsamt Bozen

Ursprünglich kommt der Brauch aus dem Eisacktal. Das Törggelen war ein Tauschgeschäft zwischen den Weinbauern  im Tal und den Bergbauern, die im Sommer auf den Almen das Vieh hüteten. Nach dem Viehabtrieb bedankten sich die Winzer bei den “Berglern” für deren Arbeit in den Sommermonaten, und verköstigten diese festlich.

Bis Mitte des letzten Jahrhunderts wurde das Ritual des Weinverkostens nur im November praktiziert. Mittlerweile reicht die Saison aber von September bis hinein in den Dezember. In den vergangenen Jahren ist das Törggeln mitunter zu einem wahren Massentourismus, zu richtiggehend preiswerten Sauftouren, verkommen. Aus allen Himmelsrichtungen werden die Touristen per Bus in Gaststätten gekarrt – auf der Strecke aber bleibt die Tradition. Seit Neuestem denken die meisten Winzer und gastronomischen Betriebe jedoch wieder um – und das ist gut so.

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