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Nordische Jazzlichter glänzen in Südtirol

Auch beim Jazzfestival 2018 gibt es wieder extravagante Klänge vor imposanter Dolomitenkulisse zu erleben.

Schon zum 36. Mal zieht es Ende Juni die Jazzfans nach Südtirol zum dortigen Jazzfestival. Weit über 20.000 waren es 2017, eine breite Mischung durch die Generationen. Es war das bestbesuchte in der Festivalgeschichte. Woher der Erfolg kommt? Jazz-Präsident Klaus Widmann hat ein einleuchtendes Konzept, das immer wieder neue Ideen kreiert: „Wir bemühen uns, für unser Programm immer Neues zu suchen und stellen Projekte und Formationen neu zusammen, anstatt Projekte einzukaufen, die es bereits gibt und die auch andere Festivals anbieten.“

Jahr für Jahr gibt es einen Länderschwerpunkt: So konnten sich bislang bereits die jungen Jazz-Szenen aus Italien, Frankreich, Großbritannien, Österreich und den Benelux-Staaten attraktiv präsentieren mit innovativer und stilistisch entgrenzter Musik. In diesem Jahr rückt eine ganze Staatengruppe in den Blick: unter dem Motto „Exploring the North“ stellen sich junge Bands und Solisten aus den nordischen Ländern vor. Originell dazu das Festspielplakat: Es zeigt ein kleines rotes Schiff, das sich auf der Suche nach Neuem in einer grenzenlosen wilden Eislandschaft eine Fahrrinne bahnt, im Schattenprofil schemenhaft Jazzmusiker hinter sich herziehend.

Die aufregende Entdeckungsreise beginnt in Süddänemark, mit einem Abstecher ins Baltikum, nimmt dann Kurs auf Norwegen, Schweden und Finnland, vergisst aber auch Island und Grönland nicht. Das Südtiroler Expeditionsteam setzt damit die Erkundung des europäischen Gegenwartsjazz konsequent fort und nimmt auch die entlegensten Gebiete Europas mit.

Mehr als 160 Musiker sind dabei

Klaus Widmann charakterisiert dies so: „ Wir erkunden einen großflächigen geografischen Raum mit unterschiedlichen Szenen in den einzelnen Ländern und deshalb haben wir besonders viele Bands eingeladen.“ Mehr als 160 Musiker kommen in diesem Jahr nach Südtirol, die große Mehrheit lebt und arbeitet in den skandinavischen Ländern.

Lagerfeuerromantik und Jazz – eine coole Melange.

Bei ihrem speziellen Sound haben sie sich frühzeitig auf die eigenen kulturellen Wurzeln besonnen und scheuen auch nicht den Kontakt zu zeitgenössischer „neuer“ Musik. So bietet der vielseitige Jazz der nordischen Länder eine spannende Mischung: Die bunt gemischte Truppe verarbeitet in ihren eigenständigen Sounds Pop und Rock, Noise, Rap und Folk, aber auch elektronische Musik und Free Jazz.

Nicht selten geben Frauen den Ton an: als „Sidewomen“ oder Projektleiterinnen. Bandleaderinnen kommen aus Estland wie Maria Faust und Kadri Voorand, aus Schweden Anni Elif Egecioglu und Hannah Tolf sowie Hanna Paulsberg und Natalie Sandtorv aus Norwegen. Zudem: Ausschließlich mit Frauen besetzt ist die zehnköpfige Bigband des deutschen Ensembles SiEA.

Ganz Südtirol wird wieder zur Jazz-Bühne

Und wo finden die mehr als 50 Konzerte statt? Wieder einmal wird ganz Südtirol zur Bühne. 2018 bespielt das Südtirol Jazzfestival 46 Locations: Neben Straßen, Plätzen und Parks, Hotels und Museen sind es, unverwechselbar für diese Region, Alm- und Schutzhütten sowie Seilbahnstationen, Steinbrüche und die imposante Festung Franzensfeste.

Wie hier in Brixen mischen sich die Jazzmusiker auch gerne unters Straßenvolk.

Einige Programmbeispiele gefälligst? Beim Opening am 29. Juni zeigt sich, dass das Festival Experimente liebt: In einem exklusiven Projekt werden unter der Leitung des finnischen Saxofonisten Pauli Lyytinen Jazzer aus Tirol mit „Gästen“ aus Nordeuropa kombiniert. In dieser musikalischen Versuchsanordnung haben viele der 18 Mitwirkenden noch nie zusammen gespielt. Ungewöhnlich ist auch die Location: eine riesige Bozener Lagerhalle, wo auf drei Bühnen gespielt wird.

Natürlich ist wieder das herrlich gelegene Vigiljoch mit von der Partie, das nur mit der Seilbahn zu erreichen ist. Kadri Voorand bekam 2017 den estnischen Musikpreis als beste Künstlerin sowie die Auszeichnung für das beste Jazzalbum des Jahres („Armupurjus“). Die Ausnahmesängerin wird mit dem bekannten estnischen Bassisten Mihkel Mälgand Eigenkompositionen für Klavier, Bass und Stimme präsentieren, unterlegt mit elektronischen Effekten. Sie singt eigene Texte und estnische Lyrik.

Schweben und Swingen vor arachischen Kulissen

Am Wolfsgrubener See auf dem Ritten tritt das Trio „Building Instrument“ aus dem norwegischen Bergen auf. Sie bevorzugen bodenständige Musik unter Einbeziehung von Folk und Avantgarde-Pop. Mari Kvien Brunvoll singt ein vom Dialekt ihrer Heimatstadt Molde eingefärbtes Norwegisch. Ihre Stimme schwebt geheimnisvoll über einem von der Band raffiniert gewebten Klangteppich in einem musikalischen „Niemandsland“.

Nicht selten geben Frauen den Ton an: als „Sidewomen“ oder Projektleiterinnen.

Man könnte es „Swinging Stones“ nennen – das Projekt der Norwegerin Hanna Paulsberg mit ihrem preisgekrönten Quartett. Denn im Marmorbruch Göflan bei Schlanders bildet rohes Gestein die archaisch-karge Kulisse. Die Saxofonistin will afroamerikanische Traditionen in neue Richtungen fortentwickeln. Man kann sich zusätzlich zu einer kostenlosen Besichtigung des Marmorbruchs anmelden.

Der Aufführungsort Pacherhof, ein bekanntes Weingut, über Neustift gelegen, passt zum Künstler: Der international erfolgreiche Finne Tuomas A. Turunen, großer Romantiker des skandinavischen Jazzpianos, lebt in Südfrankreich. Als „Wine Composer“ übersetzt er mit dem Saxofonisten Pauli Lyytinen in den Kellereien einer Weinregion die Aromen der verkosteten Weine in Musik. Wobei den individuellen Improvisationen breiter Raum eingeräumt wird. Auf die angebotene Weißweinverkostung an diesem Abend sollte man nicht verzichten…

Konzerte im romantischen Park des Bozener Jugenstilhotels Laurin zählen immer zu den Höhepunkten des Jazzfestivals.

Höhepunkt Laurin-Park

Wie jedes Jahr ein Highlight ist der Jazzabend in dem eleganten Bozener Jugendstilhotel Laurin. Im weitläufigen Park wird die junge norwegische Band Broen (die Brücke), effektvoll über dem erleuchteten Swimmingpool, einen recht bekömmlichen Cocktail aus Rhythm & Blues, Psychedelia und Electronics servieren. Doch unter der glatten Oberfläche sind auch herausfordernde Untiefen erkennbar. Gegen 23 Uhr zieht das Quintett in die berühmte Hotelbar, um sich am DJ Set abzuwechseln. Zu erwarten ist ein Mix aus Gegenwartsjazz und Indie Music. Dazu darf getanzt werden.

Info:

www.suedtiroljazzfestival.com, Tel. (+39) 0471 98 23 24

info@suedtiroljazzfestival.com

Die meisten Konzerte sind kostenlos, sonst liegen die Preise zwischen 10 und 20 Euro. Reduziert für alle Personen unter 30, Bozen Card und „Dolomiten“-Vorteilskarte zwischen 5 und 12 Euro.

© alle Fotos: Südtirol Jazz Festival

About Norbert Linz

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