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Trutzburg der schrägen Töne

Herbert Pixner Projekt beim Bier- und Almfest auf der Gompn-Alm; Foto: Heiner Sieger/www.schönessüdtirol.de

Kurz vor der Gompm-Alm begegnet der Wanderer den ersten Kühen. Frische Gräser zupfend tappen sie gemächlich über die Wiesen. Auch ohne Dirigent klingeln ihre Glocken ein einzigartiges Konzert in die alpine Landschaft unterhalb des Hirzer Bergmassivs im Meraner Land hinaus.

Auf der Spur der Kühe – Anmarsch zur Gompm-Alm; Foto: Heiner Sieger/www.schönessüdtirol.de

Nur einige Wegbiegungen weiter schwappen unvermittelt ganz andere Melodien über Wald und Almwiesen. Sie tönen von der Gompm-Alm herüber, die idyllisch in einer kleiner Mulde liegt. Zum dritten Mal steigt hier am 10 und 11. Juni das „Bier & Almfest“, in den Südtiroler Bergen ein einzigartige Veranstaltung. Von 11 Uhr bis 17 Uhr spielen tagsüber mehrere Bands bei freiem Eintritt. Anschließend treten im Zelt auf der Almwiese international bekannte Musiker auf.

Fast wie eine Trutzburg steht die “Gompm Alm” mit ihren Mauern in der grünen Wiese. Der verwinkelte Bau aus grobem Felsstein und dunklem Holz, unterhalb der Pyramide des Hirzer-Bergs, ist nicht nur an diesen beiden Tagen eine beliebte Anlaufstelle für Wanderer und Genießer außergewöhnlicher Events. Helmuth Gufler – den hier alle nur „Heli“ rufen – ehemaliger Steinbildhauer und Besitzer der Disco „Sugar Shake“ in Meran – hat das Anwesen schon vor rund 20 Jahren in eine Gastwirtschaft mit Backstube und Bühne verwandelt. Sein Konzept: Zusätzlich zu Almkost und alpiner Gourmet-Küche bietet er seinen Gästen auch regelmäßig Live-Musik. Nicht nur lokale Bands, auch internationale Stars spielten hier unter den Sternen und machten früher das “Gompm-Alm-Festival” weit über Südtirol hinaus berühmt.

Trutzig und gemütlich: Die Gompm-Alm unterhab des Hirzer bei Schenna; Foto: Heiner Sieger/www.schönessüdtirol.de

Ray Wilson von Genesis war schon da, Darryl Jones, Bassist der Stones, und US-Sängerin Marla Glen. Kurz vor ihrem Konzert 2003 ließ der Hüttenwirt ausnahmsweise die Kühe auf eine Nachbaralm treiben, damit ihr Muhen und Bimmeln nicht störte. Die Menschen waren besoffen vor Glück und Bier. „Manche sind mir fast aufs Dach gestiegen”, sagt Helmuth Gufler, „aber genau so etwas wollte ich irgendwann nicht mehr.“ 2010 machte er Schluss mit dem Festival. „Der Starrummel, die vielen Blues und Jazzfestivals Tag und Nacht, die Massenabfertigung am Wurststand und Dixie-Klos in Reihe, das ist mir zu viel geworden”, sagt der 47-Jährige heute.

Wirt und Veranstalter mit einem “Händchen” für Spaß und Unterhaltung: Helmuth_”Heli” Gufler; Foto: Heiner Sieger/www.schönessüdtirol.de

Aber so endgültig mochte er sich von Musik und Events auch nicht lossagen. 2015 startete er mit dem „Bier & Almfest“ ein neues Format. „Ich bin ein Individualist, ich mag ja Live-Musik. Und es macht mir immer wieder Freude, wenn ich erlebe, dass es den Leuten Spaß macht, mit Herz dabei zu sein.“ Mit Leuten meint er sowohl die gastierenden Musiker, aber auch die Besucher und genauso seine Mitarbeiter.

Not macht erfinderisch: Milchkanne als Bierkühler; Foto: Heiner Sieger/www.schönessüdtirol.de

Für das Bier & Almfest, das am Tag mehr als 1000 Besucher zählt, unterstützt ihn ein 40-köpfiges Team zwischen 25 und 50 Jahren. Auch der Brunecker Immobilienmakler und frühere Veranstalter des ersten Brunecker Schloßberg Open Airs, Karl Heinz Ausserhofer ist einer von ihnen. „Das hier ist jetzt mehr Jazz, Blues und schräge Volksmusik in Verbindung mit gehobenen Speisen. Das ist eine schöne Party, aber es geht nicht mehr ums saufen“, sagt er.

Der Südtiroler Event- und Immobilienexperte Karlheinz Ausserhofer liebt das Bier und Almfest auf der Gompm-Alm; Foto: Heiner Sieger/www.schönessüdtirol.de

Aus einer kleinen Verkaufshütte heraus werden frisches Brot und Brezn, Apfelstrudel und frische Krapfen, wahlweise mit Mohn-, Kastanien- oder Marillenfüllung serviert. Auf der Speisekarte stehen Klassiker wie Wurstsalat, Speckknödelsuppe, Spareribs mit Schwarzbierlack vom Grill und der Braumeisterteller Gompm-Alm mit Speck, Hirschsalami, BioKäse, Bierrettich, Obatzder und hausgemachtes Bio-Bauernbrot, das im Ofen hinter der Alm ständig frisch gebacken wird.

Die Krapfen gibt’s wahlweise mit Mohn-, Kastanien- oder Marillenfüllung; Foto: Heiner Sieger/www.schönessüdtirol.de

Aber es gibt auch Bio-Huhn vom Holzgrill, Hamburger vom Feinkostmetzger und frische Gomp-Burger, jeweils mit hausgemachten Bio-Pommes. Darauf ist Heli besonders bedacht: Obst, Gemüse, Milchprodukte und Fleisch werden hauptsächlich von regionalen Bauern oder aus dem Bio-Anbau bezogen. Mit diesen Produkten werden die Gerichte in der Almkuchl täglich frisch zubereitet.

Dazu gibt es Bierspezialiäten vom Kloster Andechs, aus Budweis, aber auch Tannenzäpfle von der Badischen Staatsbrauerei im Schwarzwald sowie Spezialitäten wie das La Rosa oder La Weizen Nera in der 0,75-Liter-Champagnerflasche von der kleinen Brauerei Distel in Distelhausen an der Tauber.

Bierspezialiäten – nett und urig serviert; Foto: Heiner Sieger/www.schönessüdtirol.de

Einer der Weggefährten, der Heli bei seinen Events unterstützt und begleitet, ist Clemens Riegler, selber in Südtirol eine Legende. Als einer der Ersten hat er schon in den 80er Jahren große Festivals wie das Steinegg-Live-Festival Ende Oktober veranstaltet, wo unter anderem Größen wie Chuck Berry, Jonny Winter, Konstantin Wecker, Haindling und Reinhard Fendrich auftraten. „Der Heli ist ein zäher Hund. Er hat nie aufgegeben, auch wenn ihm so manches Festival schon im Gewitter abgesoffen ist. Er ist ein Vordenker und Vortuer, hat immer wieder was Neues versucht. Andere Wirte holen halt einen Volksmusiker. Aber die Gompn-Alm war die erste Alm, die solche schrägen Sachen gemacht haben, die heute andere nachahmen. Anfangs waren auch viele aus der Region böse auf ihn. ‚So eine narrete Musik’ haben sie gesagt. Dabei hat er doch viel für das Gebiet hier gemacht, seit mehr als 29 Jahren. Er kann’s mit den Leuten und gut motivieren, ist eben ein geschickter Unternehmer.“

Und diesem Geschick ist es wohl auch zu verdanken, dass in diesem Jahr kein Geringerer als der Südtiroler Musiker Herbert Pixner mit seinem Projekt beim Bier und Almfestival auftrat. Mit einem von nur zwei Konzerten, die der inzwischen international gefragte Virtuose an der Steirischen Ziehorgel in seiner Heimat spielt, von mehr als 100 im gesamten Jahr. „Insgesamt war der Herbert schon 20 Mal hier, aber da hat ihn niemand gekannt. Inzwischen ein guter Freund, der mich gerne unterstützt.“

Nach mehr als 1000 ausverkauften Konzerten und einem halben Duzend vergoldeter Schallplatten zählt das „Herbert Pixner Projekt“ mittlerweile zu den erfolgreichsten Acts im gesamten deutschsprachigen Raum. Der Ausnahme-Musiker steht für Energie, Spannung, Herzblut und Improvisation. Auch sein zweistündiger Auftritt auf der Gompn-Alm vor atemberaubender Bergkulisse ist jeden Cent der 45 Euro Eintrittsgeld wert.

Zur Pixner-Musik schmeckt auch der Kaiserschmarrn; Foto: Heiner Sieger/www.schönessüdtirol.de

Der in Walden in Passeiertal geborene Pixner wuchs „mit Blasmusi und AC/DC“ auf, wie er freimütig erzählt. Aber irgendwann, nachdem er das Spielen der Steierischen Ziehorgel schon leidlich beherrschte, studierte der gelernte Schneider in Klagenfurt Volksmusik, lernte Klarinette und Trompete zu spielen und begann, alte Musikanten aufzusuchen. „Nur die Harmonika und Landler zu spielen, war mir zu wenig“, erzählt er im Interview mit schönessüdtirol.de. Sein Geld verdiente er zwischendurch als Almhirte, aber auch als Musiklehrer. Insgesamt spielte er in 15 verschiedenen Bands. „Wir sind neben den Nachtclubs auch auf Hochzeiten und Beerdigungen aufgetreten. Auf Südtirol-Messen in Deutschland haben wir gleich neben dem Apfelstand gespielt“, lacht er. „Wir waren ja jung und brauchten das Geld.“

Seinen musikalischen Durchbruch schaffte er 2005, nach der Aufnahme einer eigenen CD. „Da haben mich dann die ersten Leute nachgespielt.“ Mit der historischen Legende seiner Heimat, dem Bauernführer Andreas Hofer aus St. Leonhard im Passeiertal, der vor mehr als 200 Jahren zweimal die Napoleonischen Heere besiegte, verbindet ihn indes wenig: „Der Hofer wollte das Alte bewahren. Ich mach das Gegenteil: ich probiere gerne was Neues aus.“ In der Tat hat niemand so wie Herbert Pixner die alpenländische Volksmusik entstaubt und mit hervorragenden Musikern und Elementen aus Flamenco, Gipsy-Jazz, Blues, Rock und Worldmusic zu „finest handcrafted music from the Alps“ gemischt.

Wie schon im Vorjahr spielte dann am Sonntag der schrullig-sympathische Berner Marc Amacher auf, der sich ganz dem Blues-Rock Genre verschrieben hat. Seine Entertainment-Qualitäten kamen 2016 auch bei der deutschen Talentshow (Finalist bei The Voice of Germany 2016) ebenso an wie seine musikalische Begabung. Ihn live im Duo Chubby Buddy mit dem Ausnahme-Perkussionisten Dominik Liechti zu erleben, ist für Fans unverfälschten Blues-Rocks ein schweißtreibender Genuss: Stillstehen ist angesichts des nicht nachlassenden Drives unmöglich.

Neben dem Bier & Almfest ist die Gompm-Alm aber auch die gesamte Wandersaison über gespickt mit Veranstaltungsangeboten. So werden an jedem ersten Sonntag im Monat echte alpenländische Volksmusik, Tanzlmusig und Volksweisen aufgespielt. Am „Hochunserfrauentag“, in Deutschland bekannt als „Maria Himmelfahrt“ am 15. August gibt die „Blechscheidl Musi“ junge geschmeidige Tanzmuis und a bissl mehr zum Besten. Am Sonntag, 20. August steigt „the unplugged taste“: sechs Südtiroler Spitzenköche verwöhnen die Gäste mit Kreationen an verschiedenen Kochstationen am Holzherd in Wald und Wiese rund um die Gompm-Alm. Die musikalische Umrahmung kommt von den Burggrafler Alphornbläsern, Nartan Marco Savona und Michaela Fürnschlief an der Steierischen Ziehorgel.

Gute Laune-Combo: Die Pinzgauer 4er Musi; Foto: Heiner Sieger/www.schönessüdtirol.de

Am 24. August zum Fest des Heiligen Bartholomäus wird eine Feldmesse gelesen, anschließend wird zur bodenständigen Volksmusik der „Hoamstanzer“ gefeiert. Im Oktober heißt es dann „Törggelen 1x anders“. Jeden Samstag treten unterschiedliche Künstler mit echter und schräger Volksmusik, Folk-Pop, Gypsy Swing und Cabaret auf.

Das Motto des Wocheendes – stimmig und einprägsam;
Foto: Heiner Sieger/www.schönessüdtirol.de

Des Nachts allerdings gehört die “Gompm Alm” allein dem Wirt und seiner Frau. Vor 16 Jahren haben die beiden die Wohnung im Tal aufgegeben und sind ganz auf den Berg hinauf gezogen: „Weil hier oben mit Feiern, Schlafen und so vieles einfach besser funktioniert als unten und die Ruhe uns dann auch gut tut.”

Info
Die Gompm Alm liegt im Hirzer-Wanderparadies auf 1.800 m. Erreichbar ist sie von Saltaus aus mit der Hirzer Seilbahn bis zur Bergstation Klammeben oder von Verdins mit der Seilbahn Verdins-Tall.
Fußweg zur Alm ca. 30 Minuten.
Mit dem Auto: 500 Meter hinter Saltaus rechts über die Brücke bis nach Prenn. Dort beginnt die Wanderung zur Alm, Dauer ca. 1 Stunde.
Tel. 0473-94 95 44,
www.gompmalm.it;
Geöffnet von Mai bis Ende Oktober.

Übernachtung: Mountainlodge Prennanger

 

About Heiner Sieger

"Nur ned locker loassen" - diese Weisheit des Südtiroler Unikums Luis Trenker ist auch mein Motto, beruflich wie privat. Journalismus habe ich von der Pike auf gelernt, in fast allen Ressorts bei der Badischen Zeitung sowie der Schweizerischen Handelszeitung. Dann folgten die taffen Jahre bei Capital, Focus und Münchner Abendzeitung. Heute steht mein eigenes Büro, Redaktion München, mit Schwerpunkt Corporate Publishing im Vordergrund. Neben Fussball und Eishockey pflege ich ein ausgefallenen Hobby: Über Südtirol könnte ich eigentlich den ganzen Tag schreiben. Aber noch lieber bin ich dort, lerne neue Menschen kennen oder treffe alte Freunde und Bekannte.

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