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Revoluzzer mit Stern

Michil Costa, Anderssein ist sein Markenzeichen, Foto: Hotel La Perla

Michil Costa, Anderssein ist sein Markenzeichen, Foto: Hotel La Perla

Michil Costa ist Inhaber des vornehmen Hotels „La Perla“ in Corvara und dem mit einem Michelin-Stern gekrönten Gourmetrestaurant „Stüa di Michil“. Seit kurzem verlangt er von seinen Gästen kulinarische Mäßigung und setzt sich für weniger Wachstum ein. Wie passt das zusammen? Wir haben ihn besucht.

Michil Costa ist anders. Schon rein äußerlich. Die Haare nach oben gekämmt wie der deutsche Kabarettist Urban Priol, gewandet mit einem grünen Lodenjanker, aus dessen Revert säuberlich gespitzte Buntstifte herausragen, im Knopfloch eine riesige weiße Chrysantheme. Dazu trägt er eine knielange Lederhose, graue Lackschuhe und im Gesicht eine schlichte Metallbrille über einem schelmisch-freundlichen Lachen. Seht her: Ich bin anders!

Und in der Tat: Wie außen, so auch innen. Michil Costa ist kein Hotelier wie viele andere in Südtirol. Er ist schon eine besondere Hausnummer, oder schlicht gesagt: Ein Original. Mit unbändiger Energie hat er rund 25 Jahre lang das „La Perla“ zu einer der besten Adressen Südtirols und seine Stüa zu einem der führenden Lokale der Region gemacht. Doch irgendwann auf der Stecke hat er gerastet und begonnen nachzudenken. Über sich und über die Zusammenhänge auf unserem Globus. Und hat Konsequenzen gezogen. „Ich bin nicht meine Gedanken, sondern viel mehr. Und ich bin auch nicht der da, von dem die anderen denken der ich bin. Darüber nachzudenken habe ich begonnen, als ich entdeckt habe, wie bei uns in der Heimat aber auch in Afrika und Tibet, die Heimat der Menschen zugrunde gerichtet wird“, sagt er und nimmt einen Schluck von seinem Bergkräutertee. „Wir haben heute eine wirtschaftliche Krise deshalb, weil es eine spirituelle Krise ist, weil die Leute zu wenig nachdenken.“

Mit 150 Sachen die Dolomitenpässe hoch

Mit seiner Moto Guzzi, knatterte Michil Costa in früheren Zeiten gerne über die Alpenpässe.  Heute steht sie in seinem Motorradmuseum, Foto: Hotel La Perla

Mit seiner Moto Guzzi, knatterte Michil Costa in früheren Zeiten gerne über die Alpenpässe. Heute steht sie in seinem Motorradmuseum, Foto: Hotel La Perla

Ja gut. Der gelbe Porsche. An den kann sich Michil Costa bestens erinnern. In früheren Zeiten, da hat er nämlich noch nicht so intensiv nachgedacht. „Es gab Zeiten, da gab es für mich nichts Schöneres, als mit meinem gelben Porsche oder meiner gelben Moto Guzzi die Bergpässe mit 150 Sachen hoch zu donnern. Damals dachte ich, man müsse das Leben mit Dingen füllen. Aber das muss man nicht,“ resümiert er heute. Sein Heimatdorf Corvara liegt in der Südtiroler Region Alta Badia, im Herzen des UNESCO-Welterbes Dolomiten. Während unseres Gesprächs regt sich der Michil schon spontan auf, als zwei Harley Davidson-Fahrer, die für eine Rast in seinem Hotel „La Perla“ vorbeigeschaut haben, beim Wegfahren den Motor aufdrehen, wie er es früher selber gern getan hat. „Umweltverschmutzung durch Lärm“, schimpft er. „Ich freue mich nicht unbedingt, wenn die kommen“. Kürzlich hat er sich nach Abstimmung mit den Mitarbeitern geweigert, eine Gruppe von 30 Motorradfahrern im Hotel aufzunehmen. Und das mitten in Italiens Wirtschaftskrise.

Michil Costa kann sich das leisten. Er weiß, dass die meisten Gäste ihn und sein Haus lieben. Sänger Zucchero urlaubt bei ihm, aber auch die Benettons und Ferraris, reiche Russen, Briten und Amerikaner sowie die Münchner Schickeria, der Kitzbühel zu fade geworden ist, füllen sein Hotel im Winter bis zum letzten Zimmer, blättern bereitwillig 800 Euro die Nacht für ein Bett hin und schlürfen rare Weine zu Preisen von 1500 Euro bis 2500 Euro die Flasche. In der „Stüa di Michil“, kostet ein Gourmet-Menue mit fünf Gängen schnell mal 140 Euro pro Nase. Zubereitet wird es nur, wenn es alle Personen am Tisch bestellen.

Anbetungswürdige Weine lagert Michil Costa in seinem Mahatma-Weinkeller, Foto: Hotel La Perla

Zum Niederknien: Anbetungswürdige Weine lagert Michil Costa in seinem Mahatma-Weinkeller, Foto: Hotel La Perla

Mahatma-Keller: Gandhi trifft Weingeist

Mit 30.000 Flaschen besitzt Michil Costa den größten und anspruchsvollsten Weinkeller Südtirols – wenn nicht Italiens. Den „Mahatma-Keller“ hat der Musik- und Weinliebhaber zu einem Tempel für Rebsaft-Jünger ausgebaut. Rund 40 Minuten dauert die abwechslungsreiche Führung, bei der der Boden schaukelt, Nebel aus den Regalen steigt und Burgunderflaschen zur Musik von Frank Zappa schunkeln. „Den Weinkeller habe ich nicht aus Marketinggründen eingerichtet“, versucht Michil Costa aufkommende Zweifel zu zerstreuen, „sondern, weil ich mich sehr viel mit Wein, Musik und auch Gandhi befasst habe. Mahatma bedeutet ja ‚große Seele’ und der Wein hat auch eine Seele, genauso wie die Musik.“

Am Ende der Tour durch den Weinkeller werden die Teilnehmer dezent um eine Spende zugunsten der „Costa Familiy Foundation“ gebeten. Mit der 2007 gegründeten Familienstiftung unterstützen Costa, seine beiden Brüder Matthias und Maximilian sowie seine Mitarbeiter persönlich und finanziell drei Dörfer mit hungernden Menschen – zwei in Afrika, und durch die Vermittlung der Schwester des Dalai Lamas eines in Tibet. Mit Mitteln der Stiftung wurden dort unter anderem  hochwertige Saaten für ausgewogene Ernährung eingekauft, Schulgärten angelegt, ein Küche gebaut und die Wasserzisternen restauriert. Die Stiftung bezahlt zudem Experten, die der ansässigen Bevölkerung nachhaltige Anbautechniken für Lebensmittel beibringen, sie darin unterrichten, wie sie selber Nahrungsmittel produzieren und einen Ernährungskreislauf schaffen können. Insgesamt wurden 1000 Küken, 40 Ferkel und eine Tonne Saatgut an die Haushalte verteilt.

 Vom Punk zum Heimat-Bewahrer

Michil Costan denkte gerne und lange über die Zusammenhänge auf dem Globus nach, Foto: Hotel La Perla

Michil Costa denkt gerne und lange über die Zusammenhänge auf dem Globus nach, Foto: Hotel La Perla

Das Anderssein ist längst Costas Markenzeichen: Ausgerechnet der Rebell, der Ende der 70er Jahre seine Heimat verließ, um als Punk in London zu leben, setzt sich jetzt vehement für deren Erhalt ein. „Früher, da waren die Berge für mich ein Hindernis“, resümiert er. Heute ist er seinem ladinischen Zuhause tief verbunden. Dass die Region Alta Badia zu einer der nobelsten und internationalsten Wintersportregionen aufgestiegen ist, dazu hat Michil Costa sehr viel beigetragen.

Doch mittlerweile kämpft er trickreich gegen den Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder, wenn er Gefahr für den Erhalt von Kultur und Almen wittert. „Da werden ja keine Ideen subventioniert, sondern nur Zementblöcke und die Verbauung des Landes“, regt er sich auf. Als die Landesregierung im benachbarten Gadertal eine Straße zur idyllischen Schafalm Antersasc bauen wollte, verteilte Costa vor drei Jahren auf dem Parteitag der regierenden Südtiroler Volkspartei Totenbildchen, auf denen symbolisch die Dolomiten zu Grabe getragen wurden. Die Straße wurde – vorerst – nicht gebaut.

Gemeinwohl-Ökomie statt Gewinnstreben

Eigene Ideen setzt er trotzdem durch: Statt mit einem Motorrad durch die Dolomiten zu brausen, hat der Nobel-Hotellier für die Sommer-Saison bereits vor ein paar Jahren den Fahrrad-Marathon rund um die imposante Sella-Gruppe erfunden. Der ist inzwischen so beliebt, dass sich in diesem Juni zwar 30.000 Interessenten anmeldeten, aber nur 9500 mitfahren durften. „Ich bin gegen porno-alpinen Tourismus, der die Berge mit Disneyland und die Dolomiten mit Gardaland verwechselt und kämpfe gegen touristische Monokultur. Unser Tourismus funktioniert nur, wenn auch der Bauer und der Handwerker profitieren, es gibt genug Betten in Südtirol“, bekennt Michil Costa. Deshalb wollte er kürzlich auch das Budget von 600.000 Euro, das für Investitionen zur Verfügung stand, in einen größeren Mitarbeiterraum stecken. Doch die Mitarbeiter votierten bei einer Klausurtagung geschlossen dafür, mit diesem Geld fünf Gästezimmer auszubauen, „weil für sie der Gast und die wirtschaftliche Basis des Hotels Vorrang haben“, erzählt der überstimmte Hotelier.

„Ich bin gegen porno-alpinen Tourismus, der die Berge mit Disneyland und die Dolomiten mit Gardaland verwechselt und kämpfe gegen touristische Monokultur.”

Umweltfreundliches Sportereignis: Dlomitenmarathon per Rad, Foto: Freddy Planinscheck

Umweltfreundliches Sportereignis: Dlomitenmarathon per Rad, Foto: Freddy Planinscheck

Mitbestimmung im Familienunternehmen? Ja, auch das gibt’s neuerdings im „La Perla“: Seit vergangenem Jahr hat sich Michil Costa der Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) des Wiener Ökonomen Christian Felber angeschlossen, nach der weltweit bereits rund 1000 Betriebe wirtschaften. Dabei ist Erfolg nicht nur, was sich als Gewinn in Euro in der Firmenbilanz messen lässt, sondern als Nutzen für alle beteiligten Anspruchsgruppen herauskommt. Eine regelmäßige Gemeinwohlbilanz, in deren Mittelpunkt die Werte Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit sowie demokratische Mitbestimmung und Transparenz stehen, zeigt an, wie weit der jeweilige Unternehmer gekommen ist.

Je besser die Gemeinwohl-Bilanz-Ergebnisse der Unternehmen in einer Volkswirtschaft sind, desto größer ist das Gemeinwohl-Produkt. „Wachstum ist wichtig, aber das Gleichgewicht dabei ist wichtig. Das Wachstum des einen darf nicht zu Lasten anderer gehen“, ist Costa inzwischen überzeugt. „Natürlich muss das Hotel Geld verdienen. Aber es ist nicht mehr das einzige Ziel. Sondern die Zufriedenheit aller beteiligten Menschen, der Mitarbeiter, der Gäste und der Bewohner des Dorfes“, geht der Alpen-Revoluzzer konsequent seinen anderen Weg.

 Ladinische Produkte statt Gänseleber-Pastete

Das Hotel La Perla ist Heimat pur, für deren Erhalt setzt sich Michil Costa ein, Foto: La Perla

Das Hotel La Perla ist Heimat pur, für deren Erhalt setzt sich Michil Costa ein, Foto: La Perla

Von 1000 möglichen Bilanz-Punkten erreicht das „La Perla“ bereits rund 400. Das ist immerhin der Durchschnitt der handvoll anderer Hotels und Kleinbetriebe in Südtirol, die bislang nach der GWÖ wirtschaften. Dazu gehört auch, dass sein Spitzenverdiener, Sternekoch Arturo Spicocchi, nicht mehr als das Fünffache der niedrigsten Lohnstufe, den Zimmermädchen, verdienen darf. 600 Punkte will Michil Costa möglichst bald erreichen. Einfach wird das nicht. Denn die Möglichkeiten, Pluspunkte zu sammeln, hat er schon sehr gut ausgeschöpft. So gibt es im „La Perla“ fast ausschließlich regionale ladinische sowie saisonale Speisen. Gänseleber-Pastete suchen Gäste in seinem Haus vergebens auf der Speisekarte. Auf Äpfel und Erdbeeren müssen die Gäste bis Juni verzichten, allerdings nicht auf Bananen und Ananas – die kauft das Hotel immerhin „Fair Trade“ ein. Einige Gäste kommen jetzt nicht mehr. Costa versteht das. “Wenn sie bezahlen, wollen sie auch bestimmte Dinge haben”.

Aber er bleibt seinem Weg treu: „Die Gemeinwohl-Ökonomie ist zwar nicht die einzige Wahrheit. Aber dieses System ist eine der wenigen Möglichkeiten der Menschen, sich selber zu retten“, sagt der Mann mit der Chrysantheme. Gästen, die ihr Auto während des Hotelaufenthaltes mindestens drei Tage nicht benutzen, schenkt Costa zum Dank eine Flasche edlen Sassicaia aus seinem Weinkeller – und lässt den Wagen derweil symbolisch mit einem grünen Band verzieren.

Ein Teil der Rechnung unterstützt hungernde Menschen in Tibet und Afrika

Um weitere Punkte zu sammeln, wird er seine Gäste aus Übersee künftig bitten, 50 Euro für den Ausgleich der CO2-Bilanz zu bezahlen. Er selber legt noch einmal 50 Euro obendrauf. Das Geld investiert er – ebenso wie drei Euro von jeder Rechnung in seinem Sternelokal und einen Euro vom Hauswein – in die Unterstützung hungernder Menschen in Tibet und Afrika durch die Costa Family Foundation. „Ich bin nicht interessiert daran, für mich und meine Familie mehr Geld zu machen, sondern daran, dass es unseren Mitarbeitern besser geht“, wiederholt Michil Costa. Und in der Tat: Seit dem vergangenen Winter, dem Startschuss für die Gemeinwohlwirtschaft im Haus, arbeiten die Köche im La Perla rund 25 Prozent Stunden weniger, statt elf achteinhalb – für den gleichen Lohn wie vorher. Und auch das gehört zur GWÖ: Die Gewinne des Hotels werden nicht mehr an die Familie ausgeschüttet, Dividenden gehen in den Betrieb zum Ausbau des Hauses. Und Mitarbeiter, die Kinder bekommen, sollen von bestimmten Benefits profitieren. „Wir werden ihnen zum Beispiel auch helfen, ein Haus zu bauen, indem wir ihnen einen zinsgünstigen Kredit geben“, plant der frischgebackene Gemeinwohl-Hotellier.

„Ich bin nicht interessiert daran, für mich und meine Familie mehr Geld zu machen, sondern daran, dass es unseren Mitarbeitern besser geht.“

Zusammen mit seinen Brüder Markus und Matthias hat Michil Costa (in der Mitte die Eltern) 2007 die Costa Family Foundation ins Leben gerufen, Foto: La PerlaGetrieben zu all dem fühlt sich Michil Costa von seinem Enthusiasmus, seiner „inneren Göttlichkeit, die jeder Mensch in sich hat“, wie er sagt. „Das ist etwas anderes als Leidenschaft. Leidenschaft heißt, man verfolgt nur das eigene Ziel und zertrampelt rechts und links die Dinge, mit denen man nicht einverstanden ist. Man läuft gerade aus, ohne Respekt und Achtsamkeit für die Werte der anderen. Ich war früher ein Rebell und bin es heute. Ich kann nicht daheim sitzen und glücklich sein, obwohl ich reich bin. Mein Vater sagt immer: Jetzt hör mal auf. Aber das kann ich nicht.“

Stimmt. Gerade hat der unruhige Geist ein direkt benachbartes Hotel gepachtet. Gemeinsam mit seinem Bruder Maximilian, der es führen soll, wird er es ebenfalls nach der GWÖ bewirtschaften. Geplant ist ein schlichtes Berghotel, dass Kultur, Natur und Individualität verbindet, mit fairem Einkauf, statt 27 nun 22 Betten, einfacher ladinischer Bauernkultur und einigen radikale Entscheidungen: So wird es dort keine Coca-Cola geben und überhaupt keine Getränke, die nicht aus dem Alpenraum stammen.

Eigentlich hat der Revoluzzer auch für sein neues Denken einen Stern verdient.

Infos zum Hotel:www.hotel-laperla.it

 

über Heiner Sieger

Journalismus wurde mir zwar nicht in die Wiege gelegt, aber von der Pike auf schon während dem Studium konsequent gelernt. Tageszeitung, Magazin, Fachblatt, Corporate Publishing - Lokales, Sport, Wirtschaft, Gesundheit, Reise: Alle Spielarten des Schreibens machen mir Spaß. Ich bin eben ein Mann der Feder. Dozent an der DJS, Mitglied im BJV und der VDRJ - mit entsprechendem Qualitätsbewusstsein und einem ausgefallenen Hobby: Über Südtirol könnte ich eigentlich den ganzen Tag schreiben. Aber noch lieber bin ich dort, lerne neue Menschen kennen oder treffe alte Freunde und Bekannte.

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