Home / Natur & Kultur / 30 Jahre Oswald-von-Wolkenstein-Ritt: Wenn der Schlern Kopf steht

30 Jahre Oswald-von-Wolkenstein-Ritt: Wenn der Schlern Kopf steht

Jedes Jahr, immer am ersten Juni-Wochenende, steht das Gebiet rund um den Schlern Kopf. In Völs, Seis und Kastelruth, die unterhalb dieser mächtigen Felsformation liegen, herrscht dann Ausnahmezustand. Denn das größte und schönste Reitspektakel Südtirols, der Oswald-von-Wolkenstein-Ritt, findet statt.

Der Wolkensteinritt beginnt mit einem festlichen Umzug, der gleichermaßen Einheimische wie Urlauber elektrisiert. - Foto: Seiser Alm Marketing

Der Wolkensteinritt beginnt mit einem festlichen Umzug, der gleichermaßen Einheimische wie Urlauber elektrisiert. – Foto: Seiser Alm Marketing

Der Wolkenstein-Ritt ist eine Mischung aus sportlichem Wettkampf, kultureller Veranstaltung, Volksfest und Historienspiel, mobilisiert die Massen – Einheimische wie Urlauber. Reitsportler, Pferdeliebhaber und Freunde des Brauchtums kommen voll auf ihre Kosten. Heuer wird der Trubel noch größer sein als in den vergangenen Jahren, denn die Veranstaltung, die vom 1. bis 3. Juni stattfindet, jährt sich zum 30. Mal. Und die “Attraktion des Schlerngebiets”, das “Fest für Mensch und Tier” hat nichts von seiner Anziehungskraft verloren – im Gegenteil. Das Organisationskomitee erwartet weit über 20 000 Besucher.

Wenn sich die ersten der durchtrainierten Pferde samt Reiter am Turniertag an ihr Tagwerk machen – der Startschuss zu dem sportlichen Höhepunkt fällt um Punkt sieben Uhr auf der Trostburg – dann war die Nacht zuvor für alle Beteiligten sehr kurz. Und wenn die letzten Teilnehmer den Schauplatz des finalen Spiels, nämlich Schloss Prösels, verlassen, dann war der Tag lang und anstrengend. Für die meisten Teilnehmer 20 Stunden und mehr.

Nervenstärke und Geschicklichkeit

Die ersten Vorbereitungen für das Spektakel Wolkenstein-Ritt beginnen für die besten Reiter des Schlerngebiets, wenn die ersten Frühlingsstrahlen das mächtige Gebirgsmassiv in ein helles Licht tauchen, für die Organisatoren gar schon, wenn der Herbst dem Winter das Kommando überlassen muss.

“Wir beginnen mit dem Training bereits im April,” erzählt Gerhard Margesin (33). Er war schon als 16-Jähriger zum ersten Mal beim “Ritt” dabei und weiß, was es heißt, in den acht Wochen vor dem Höhepunkt drei- bis viermal in der Woche – nach Feierabend versteht sich – Pferd und Reiter auf Vordermann zu bringen. “Ohne ein spezielles Training brauchst du gar nicht mitzumachen,” sagt Margesin, der im Jahr 2003 mit seiner damaligen Mannschaft aus Steinegg das oberste Podest auf dem Siegertreppchen besteigen durfte. “Vor allem eine gute Kondition ist wichtig“, verrät der Maschinenbauer, “nicht nur bei mir, auch bei meiner Candor, einer vierjährigen Araber-Appaloosa. Ebenso muss man nervenstark  und risikobereit sein. Und das Pferd beherrschen, also perfekt reiten können. Logisch. Geschicklichkeit ist sowieso eine Grundvoraussetzung”.

Noch hat der Nebel sich nicht aufgelöst, als die 36 Mannschaften - wie bei einem Trekkingritt - durch Felder und Fluren Richtung Kastelruth reiten. - Foto: Helmuth Rier

Noch hat der Nebel sich nicht aufgelöst, als die 36 Mannschaften – wie bei einem Trekkingritt – durch Felder und Fluren Richtung Kastelruth reiten. – Foto: Helmuth Rier

Die Spannung steigt so richtig etwa eine Woche vor Beginn des Ritts. Denn bis dahin müssen Pferd und Reiter eine harmonische Einheit bilden, muss das Feingefühl zwischen den Beiden da sein, müssen die einzelnen Spiele in Fleisch und Blut übergegangen sein, muss quasi jeder Schritt, jeder schnelle Trab, jeder gestreckte Galopp, jede kurze Wende, überhaupt jede einzelne Übung auf dem eff-eff sitzen.

“Die Tage unmittelbar vor dem Ritt sind dann etwas ruhiger”, berichtet Margesin”, die Pferde sind ja auch müde und der Trainingsstress für sie mit Sicherheit genauso Nerven aufreibend wie für uns Reiter. Und die Pferde sollen ja mit Energie an den Start gehen.” Beim offiziellen Training an den beiden Tagen vor dem Großereignis ist dann nur noch Feintuning angesagt. Und wer gewinnt den Ritt? “Margesin antwortet, als ob er auf diese Frage seit langem gewartet hätte. “Gewinnen kann nur, wer die fliegenden Galoppwechsel beherrscht. Und wenn man als Mannschaft funktioniert.”

Die große Attraktion des letzten Ritts 2011 war eine reine Damen-Mannschaft aus dem Sarntal. “Wir vier sind reitbegeistert und haben spontan beschlossen mitzumachen“, erzählt Sandra während einer kurzen Trainingspause, “unser Ziel ist es, so weit wie möglich fehlerfrei und gesund zu bleiben.” “Und Mut gehört auch dazu“, ergänzt Nadine, ehe die Zeit für den kurzen Plausch auch schon wieder vorbei ist. Übrigens: Nadine Aichner, Nadin Nocker, Sara Moser und Sandra Thaler landeten auf dem beachtlichen 22. Platz.

Viel Mut gehört dazu, wenn die Reiter und Reiterinnen im fliegenden Galopp versuchen, einen 2,5 Meter langen Holzstab durch hängende Ringe zu stechen. - Foto: Seiser Alm Marketing

Viel Mut gehört dazu, wenn die Reiter und Reiterinnen im fliegenden Galopp versuchen, einen 2,5 Meter langen Holzstab durch hängende Ringe zu stechen. – Foto: Seiser Alm Marketing

Sechs Monate Vorbereitungszeit

Wenn die dreitägige Veranstaltung mit der Startnummernauslosung und einem gemütlichen Beisammensein im Festzelt beginnt – Völs, Seis und Kastelruth lösen sich als “Hauptquartier“ im dreijährigen Turnus ab – das Fest-Wochenende mit einem großen, farbenprächtigen Eröffnungseinzug am Tag darauf fortgesetzt wird und mit dem einen oder anderen Schoppen Wein oder einem Bierchen auf Schloss Prösels endet, dann hat das Organisationskomitee sechs lange Monate hinter sich gebracht, um ja alles in geregelte Bahnen zu lenken. Natürlich gehen die Verantwortlichen überaus routiniert an die Sache heran, doch “stressig ist es immer wieder,” verrät Gudrun Panitz, seit 2008 Präsidentin des Wolkenstein-Ritts. “Vor allem die letzten vier Wochen sind sehr intensiv.”

Dabei muss an alles gedacht werden, jede Kleinigkeit ist wichtig. So stehen der Verwaltungsangestellten an den drei Tagen 500 ehrenamtliche Helfer und Helferinnen zur Verfügung, vom Ortsverantwortlichen bis zu den Schiedsrichtern, von den Shuttlebusfahrern bis zu den Eintrittskartenkontrolleuren.

About Dieter Warnick

Immer wenn er davon spricht, dass Südtirol seine zweite Heimat ist, dann sagt er das nicht nur so zum Spaß. Denn Dieter Warnick wurde schon als Kleinkind die Affinität zu dem bezaubernden Landstrich südlich des Brenners quasi mit in die Wiege gelegt. Sein Vater war auch vernarrt in die Dolomiten und seine Menschen dort. Und so ging es mindestens einmal im Jahr nach Südtirol. Mit der ganzen Familie. Im Laufe der Jahre wurden die Aufenthalte immer häufiger, das Wissen über die Örtlichkeiten immer spezieller. Dieter Warnick arbeitete 30 Jahre lang bei einer großen bayerischen Tageszeitung, ehe er sich 2008 neu orientierte, seinen Job als Sportredakteur an den Nagel hing und sich auf den Reise-Journalismus spezialisierte. Südtiroler Geschichten bleiben sein vorrangiges Genre, aber auch andere Länder haben es ihm angetan.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

Newsletter von Schönes Südtirol abbonieren:
Eintragen